Geschichten

Die kleinste Bar des Universums

Rätselhaftes Leipzig. Fährt man in dieser Stadt zum Beispiel mit der Tram, darf man „Vor dem Aussteigen bitte den Fahrgastwunsch betätigen.“ Mit derartigen Aufforderungen sollte man vorsichtig umgehen und sie möglichst auch auf grammatikalische Richtigkeit prüfen, bevor man damit seine Fahrgäste zum Halluzinieren brinIch war in der Elfer-Tram Richtung Innenstadt unterwegs, es war schwül-warm, es roch nach stressverschwitzen Menschen, nach Hunden und nach Schnaps von gestern Nacht, und ich wünschte mir gerade nichts sehnlicher als einen kühlen Riesling in einem schattigen Biergarten. Und jetzt sollte ich nur diesen Knopf drücken und mein Wunsch werde erhört? Ich hielt das für Schwindel. Und hatte nun auch eine plausible Erklärung, weshalb die Menschen in der Tram immer so unglücklich dreinblicken. Aber vielleicht hat ja ein poetisch veranlagter Angestellter der Leipziger Verkehrsbetriebe einen Kreativitätspreis dafür gewonnen. Dafür, dass nun anstelle eines simplen „Stop“ oder „Halt“ ein solches Wortungetüm prangen darf. Und ein sensibler Mensch wie ich überlegt nun den ganzen Tag, ob und wie man einen Wunsch überhaupt „betätigen“ kann. Ich bin für einen Eintrag in die Liste von Leipzigs Superlativen. Das Unsinnigste, was man an Knöpfe schreiben kann. Oder so.

Superlative hat die Stadt ja einige anzubieten. „Heidi“, das einzige schielende Opossum beispielsweise, die erste automatisierte OP-Fräse für Operationen am Ohr, die größte Auswahl an Absinth, das längste Kasernengebäude Europas oder „Aubi“ (kurz für:Autofahrerbier), das erste alkoholfreie Bier der Welt von 1972.

Noch mitten im Nachsinnen über unerfüllte Fahrgastwünsche fand ich mich in der Mädler-Passade wieder. Auch –wie sollte es anders sein- ein Superlativ, zumindest ein Teil davon, von Europas größtem geschlossenem System an Durchgangshöfen. In der Mädler-Passage schreiben sie über die Eingangstüren „Treppe“. Ich nehme an, für Menschen wie mich, die meinen, eine Eingangstür sei einfach nur eine Eingangstür. Sechs Türen namens „Treppe“ gibt es, „Treppe A“ bis „Treppe F“. Hinter allen hübsche Büros, ahnt man. Sie sind verschlossen. Außer „Treppe D“. Diesmal kein Schwindel. Sie entpuppte sich als ein wahrer stairway to heaven. Direkt in den Cocktail-Himmel der wahrscheinlich kleinsten Bar -sagen wir- im Universum. Noch ein Superlativ. Ein berechtigter, denn hier war ein Schüler Mac Gyvers am Werk.

Mittlerweile weiß ich, dass Mac Gyver ein Ossi war. Nicht nur wegen seiner „Vokuhila“. Er war der Mann, der aus ein paar Büroklammern, fünf Rollen Klebeband und einem Stück Brillenglas eine aufblasbare Kaffemaschine bauen konnte. Das konnte mein Vater auch. Das konnten alle Ossis, wegen „´s gab ja nüschd.“ Und variierte man die Einsatzstoffe wahlweise mit einem Fahrraddynamo, Backpulver, Zahnstochern oder ähnlichem, konnte am Ende schon mal ein Rasenmäher oder eine E-Gitarre rauskommen. Oder eben die kleinste Bar im Universum. Rainald Grebe singt in einem seiner Lieder: „…und wenn die Liebe geht, die Hobbies bleiben.“ Und die Talente, die bleiben wahrscheinlich auch. Denn die kleinste Bar des Universums ist eigentlich die Garderobe des Kabarett Sanftwut.

Ich schätzte, auf den vier Quadratmetern hätten vielleicht acht bis zwanzig Jacken Platz, je nach Jahreszeit. „Naja, hundertfünfzig passen schon rein“, sagte Dirk Payer, der Inhaber der Kabarett-Kneipe (die praktischerweise genauso heißt, wie die Eingangstür). Da nun aber Mitteleuropa seit Ende Februar subtropisch ist, wurde die Garderobe überflüssig. Also hat Dirk dieses nutzlose Räumchen für den Ausschank von sommerlich-fruchtigen Getränken umgebaut. Mit ein paar Balken aus dem Theater-Keller, mit Postern von Elvis und Marilyn, mit einer Gitarre, karierter Klebefolie, Papp-Schallplatten und Zahnstochern. Die Lichteffekte kommen aus der eigens kreierten Deckenkonstruktion, die Arbeitsplatte hat Kabarett-Kneipen-Koch André angeliefert und das himmelblaue Rockabilly-Kleid oben in der Ecke ist von Anja, dem Gesicht auf der Cocktailkarte.

Eine lustige Truppe wirbelt hier herum: Der Kneipen-Wirt und Fettbemmen-Verkäufer Dirk, der bald selbst auf der Sanftwut-Bühne stehen wird. Anja, die sich vom Haupthaar bis zu den Zehen den Fifties verschrieben hat und Gänseblümchen zu ihren Daiquiries austeilt. Koch André, den alle Küchenkobold nennen (warum, weiß aber keiner) und der sich vor ein paar Jahren noch um GoGo-Stangen wickelte. Ingo, der Kassenwart, der irgendwie immer durchs Bild läuft. Noch ein Dirk, der furchteinflößend blickende, aber ganz liebe Techniker. Und Kabarett-Chef Ingolf, der Reiki-Meister ist und noch vorm Weltuntergang 2012 auf den Wegen des Dr. Usui wandeln will.

Meistens mixt und schüttelt Anja die Erfrischungen für das Theater-Publikum. Oder für Menschen, die einfach mal gucken wollen, ob hinter einer Tür, die Treppe heißt, tatsächlich eine Treppe ist und wo die hinführt. Und die dann plötzlich einen kühlen Riesling in der Hand halten und an falsche Imperative in Straßenbahnen denken müssen. Ich hatte den Wunsch „betätigt“, den Knopf gedrückt. Es ist kein Biergarten geworden, aber die LVB haben überraschend gute Arbeit geleistet. Wundersames Leipzig. (von Janet Schönfeld)

Die Taufe meiner Schwester

Am Sonntag um zehn wurde meine kleine Schwester auf den Namen Petra-Amalia getauft. Es war ganz wunderbar. Die Pfarrerin hieß Anette Gründlich, trug eine kantige Brille und ein Lächeln, dass nur ganz besonders Jesus-beseelten vorbehalten ist. In Somalia verhungern Menschen, predigt sie, und letztens sei sie in Dittlingen gewesen, da wärs ja genauso, deshalb möge man sein bitter verdientes, dreimal versteuertes Restgeld nicht an eine dahergelaufene NGO spenden, sondern in ihr Klimperkässchen werfen. Naja. Zwei Sätze später berichtete sie von Jesus, der mal gesagt haben soll, man möge die Kinder zu ihm bringen, damit er sie “anrühre”, was zur Folge hatte, dass mein Bruder einmal kräftig Prusten musste.

So hats angefangen.

Mein Bruder, 26, ist Amalias Taufpate und hatte sich vor ein paar Tagen aus Frust aber vor allem auch aus Blödheit eine nassrasierte Glatze verpasst. Sonntagmorgen war ihm aufgefallen, dass das aus Versehen ein bisschen nazig aussehen könnte.
War aber auch egal. Unter dem einen Auge hat er eine Art Gesichtsgürtelrose, faustgroß, die aussah, als habe man ihm eine verpasst. Am Abend vorher hatte er eine halbe Flasche Single Malt verdrückt und am Taufmorgen noch einen Joint geraucht – den braucht er immer, um sein Hirn überhaupt davon zu überzeugen, auf eine Familienfeier mitzugehen.
Ich drückte ihm angesichts seiner zerstörten und so ganz untäuflichen Gesamterscheiung eine Dose Red Bull in die Hand. Davon müsse er immer furzen, sagte er. Und wenn das mitten in der Kirche passiere sei also ich dran schuld.
Vor der Kirche wartete meine Familie und die Familie meiner Stiefmutter, die sich einen Tag vorher gegenseitig und überkreuz derart zerstritten hatten, dass eigentlich keiner hatte kommen wollen. Erstaunlicherweise waren sie doch alle da. Jedenfalls, während mein großer Bruder vom jesusschen “Kinder anrühren” in einen Lachkrampf verfiel, zerfetzte meine zu taufende Schwester das evangelische Gesangbuch in seine atomaren Einzelteile.
Meine Stiefmutter versuchte in wilden und weithin sichtbaren Gesten Teile davon zu retten. Mein Vater zählte die Lieder (Phu, nur noch drei. Phu, nur noch zwei. Phu, nur noch eins), während mein Opa sich bei jedem Lied entrüstete, er sehe die Buchstaben nicht, nur die Fernsichtbrille dabei, was meine Oma zu einem sehr lauten “Das könnten die auch größer schreiben” veranlasste.
Im Übrigen war der gesamte Gottesdienst meiner Oma sowieso zu lang. Deshalb rief sie immer mal zwischendruch ein “Amen” in den Raum, in der Hoffnung, irgendwer möge es erhören und diesem Firlefanz ein Ende bereiten. In der Zwischenzeit hatte mein kleiner Bruder, er ist vier, mehrfach versucht, sein Playmobil-Männchen (rotkarierter Pirat mit Ritterburg-Helm) in Richtung des Herrn Jesus am Kreuz zu werfen.
Aber weil er das dringend nicht durfte, spielte ich mit ihm ein Spiel: Wer am längsten stillsitzen kann. Ich hab verloren, weil die Pfarrerin plötzlich einen Hustenanfall hatte. Aber anstatt ihn einmal richtig rauszuhusten, verteilte sie ihn auf einen fünfminütigen Vortrag – mit ansteigender Hustintensität der auf seinem Zenit in würgenden Röcheln mündete.

Thema des Vortrags: Schwäbisches Schwarz- und Körnerbrot. Dafür war sie dem Herrgott nämlich ganz besonders dankbar, als sie vor ein paar Tagen aus dem Urlaub zurückkam. “Da habe ich mich zwei Wochen lang nur von Weißbrot ernähren müssen”.
Mann mann. Da wars dann auch mit meiner Contenance vorbei. Irgendwie musste der Organist unser aller Stimmung mitbekommen haben. Jedenfalls beendete er eines der Lieder (phu, es war das dritte) mit einem sehr falschen “PFFFÜÜÜÜT”, was mein Opa mit einem sehr lauten “UIUIUIUI” kommentierte.
Meine Oma rief einmal mehr “AMEN”, meine Schwester quietschte vor Vergnügen angesichts all der Gesangbuchfetzen, mein großer Bruder furzte und mein kleiner Bruder riss seinen Piraten-Ritter in die Luft und brüllte: “Wann ist das denn endlich fertig??”
Der Höhepunkt war Lied vier. Das stand nichtmehr auf der Anzeigentafel, weil es nicht mehr draufgepasst hat. Keine Ahnung, welches es ist, jedenfalls kam meine Familie angesichts zweier unterschiedlicher Gesangbücher enorm in Stress und blätterte wie eine Horde aufgescheuchter Hühner wechselweise in beiden Büchern (Wo isses denn? Wo isses denn? Welches? Welches?).
Völlig unnötig, hatte doch vorher auch keiner mitgesungen, weil keiner aus meiner Familie auch nur ein einziges Lied kannte. Lied vier sang also nur die anwesende Pfullinger Restgemeinde. Und die sang eigentlich überhaupt nicht mehr.

Vermutlich aus Protest.
Mein Gott, wir sind verdammt schlechte Christen. (von Lisa Nießen)

Eine Antwort auf Geschichten

  1. Tish sagt:

    A milloin thanks for posting this information.

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